Gute Feen und sprechende Tiere
Wie ich dazu gekommen bin, Märchen zu erzählen
Meine Eltern haben mir Sagen und Märchen erzählt, und ich habe als Schulkind selbst welche gelesen. Später habe ich zu einzelnen Anlässen Märchen erzählt und gesehen, wie stark die Kinder darauf ansprechen, obwohl sie die Geschichten längst kannten.
Welche Märchen erzählt werden
Momentan erzähle ich vor allem Grimm-Märchen. In allen Weltgegenden gibt es Märchen und Sagen. Was sich die Gebrüder Grimm von VolkserzählerInnen haben erzählen lassen ist kernig, teilweise grotesk, manchmal humorvoll, aber immer mit der Botschaft, dass das Böse und Falsche am Schluss dem Guten unterliegt.
Weshalb die Kinder diese Geschichten lieben
Sie lieben sie, weil sie den Intellekt noch nicht zur Verfügung haben, der sagt, dass alles nur erfunden sei. Sie leben noch in einer magischen Innenwelt, wo die Märchenbilder psychische, seelische Realitäten sind.
Warum die Märchenhandlung oft nicht zimperlich ist
Das seelische Innere von uns ist oft dramatisch. Die Kinder sind in Entwicklung und müssen manchmal mit dem rumorenden Innengeschehen fertig werden. In der Pubertät merkt man das Entwicklungsdrama auch äusserlich.
Die Kinder können zwischen Märchenwelt und Lebenswelt unterscheiden: In der Lebenswelt ist der Alltag, die Familie, die Schule. Beispielsweise werden in den Alpen die Wölfe geschützt, wie man auch die Wale schützt. Im Märchen aber wird dem Wolf der Bauch aufgeschlitzt und mit Steinen gefüllt, so dass er tot zu Boden fällt. Der reissende Wolf ist ein Bild für den zerstörerischen Egoismus. Und so ist es mit allen Märchenfiguren. Die Bilder der Märchen stammen aus dem rauen, patriarchalen Mittelalter. Der Frosch im Froschkönig wird an die Wand geworfen, scheinbar ein klarer Fall für den Tierschutz. Die Verwandlung des Froschs in einen Prinzen ist aber ein Bild für die Überwindung oder Zivilisierung der tierischen Triebnatur im eigenen Innern.
Ich breche beim Erzählen die Spitzen und schwäche die Szenen ab, so dass auch die Kleineren, Vierjährigen, ohne Furcht zuhören können (trotzdem kann es geschehen, dass ein Kind traurig oder ängstlich ist): Die böse Königin muss sich in meiner Erzählweise nicht in glühenden Schuhen zu Tode tanzen, wie es im Original steht, obwohl das Bild des glühenden, selbstzerstörerischen Hasses (= die glühenden Schuhe) stimmen würde, sondern sie fällt einfach tot zu Boden, weil das böse Herz stillsteht. Und der Frosch im „Froschkönig“ wird bei mir nicht an die Wand geworfen, wie in der Originalerzählung, sondern purzelt über das Bett an die Wand weil die Prinzessin ihn angeekelt von sich schüttelt. Die Verwandlung in den schönen Prinz ist dann wichtig und lässt den Ekel vergessen.
„Jedes zu seiner Zeit“
Wenn die Kindheit mit ihren Märchen und Sagen, dem Osterhasen und dem Sankt Nikolaus, längst vorüber ist, muss sich der heranwachsende junge Mensch den komplexen Fragen der Zeit, zum Beispiel der Zugangs- und Verantwortungsgerechtigkeit zwischen den Menschen (zwischen Geschlechtern oder sozialen Gruppen) auseinandersetzen. Der „böse Wolf“ oder der „böse König“ aus der Märchenwelt der Kinder erscheinen in der Erwachsenenwelt jetzt als die „ungerechte Verhaltensweise“ oder der „egoistische Anspruch“, welcher gesunde soziale Strukturen verhindert oder zerstört. Der wirkliche Wolf ist für den Erwachsenen jedoch ein schützenswertes Wildtier. Diese Unterscheidungen vermag der Mensch zu machen, er trennt die innere Welt der Märchenbilder von der äusseren Welt des Alltags. Auch das Kind verwechselt beispielsweise die archaische Rollenverteilung im Märchen nicht mit dem heutigen Alltag und seiner Forderung nach fairem Ausgleich von Aufgaben und Privilegien unter Geschlechtern und Gruppen.
Für welches Alter die Märchen geeignet sind
Vier bis neun Jahre etwa ist das geeignete Alter. Wenn die Kinder zu klein sind, verstehen sie den Inhalt noch nicht, langweilen sich und werden begreiflicherweise unruhig. Sind sie zu alt, verwundern sie sich, warum die Erwachsenen den unwissenden kleinen Kindern Märchen auftischen, die ja gar nicht „wahr“ sind, sowenig wie der Osterhase. Daneben gibt es ältere Kinder und auch Erwachsene, die gerne zuhören, weil sie in die Fantasiewelt ihrer Kindheit zurückschauen wollen.